Als Schokoladentafeln an Taschentuch-Fallschirmen über Berlin flogen

Ein bekanntes Geräusch über dem sommerlichen Berlin. Flugzeuglärm. Was drei Jahre zuvor von der deutschen Bevölkerung noch als Bedrohung wahrgenommen wurde, mutierte im Juni 1948 zu einem hoffnungsvollen Klang. Im Anflug waren zwar wie im 2. Weltkrieg Maschinen der Alliierten Streitkräfte.

Doch anstatt Bomben brachten diese nun überlebenswichtige Materialien. Die Sowjetunion sperrte alle Land- und Wasserwege von der Trizone, dem späteren Westdeutschland, nach West-Berlin. Die 2,2 Millionen in West-Berlin lebenden Menschen sowie 9.000 US-Streitkräfte, 7.600 britische Soldaten und 6.100 französische Armeeangehörige sollten ausgehungert werden, um den Druck auf die West-Alliierten zu erhöhen das westliche Berlin aufzugeben. West-Berlin sollte in die sowjetische Besatzungszone eingegliedert werden.

Doch die West-Alliierten hielten dem Druck stand. Unter der Führung der Vereinigten Staaten von Amerika richteten die West-Alliierten eine Luftbrücke zur Versorgung der Stadt ein. Ein unvorstellbarer logistischer Kraftakt. Zwischen Juni 1948 und September 1949 wurden insgesamt 2,1 Millionen Tonnen Fracht nach West-Berlin geflogen, darunter 485.000 Tonnen Lebensmittel.

Flugzeuge der Vereinigten Staaten brachten alleine 1,6 Millionen Tonnen Fracht in die ehemalige Reichshauptstadt. Die US-Amerikaner starteten in der Regel von den Flughäfen Wiesbaden und Frankfurt am Main. Gelandet wurde in Tempelhof. Ende der 1940er Jahre wohlgemerkt ein Flughafen mit zunächst nur unbefestigter Graspisten.

Gail Halvorsen bindet Süßigkeiten an kleine Fallschirme

Am Rande der Landepisten warteten häufig nicht wenige Kinder. Denn die Flugzeuge landeten nicht einfach so. Kurz vor der Landung schmissen die Piloten oftmals Schokoladentafeln und Kaugummis, die an selbstgebastelten Taschentuch-Fallschirmen hangen, über der wartenden Menschenmenge ab. Es war der Beginn einer einzigartigen transatlantischen Freundschaft zwischen Deutschen und US-Amerikanern.

Initiiert wurden diese Abwürfe von Gail Halvorsen, Pilot der United States Air Force. Viele seiner Kameraden sollten sich an Halvorsen ein Beispiel nehmen und vor Beginn ihrer jeweiligen Flüge Taschentuch-Fallschirme basteln und mit Süßigkeiten bestücken. Die Erfolgsgeschichte der candy bomber, im Deutschen als Rosinenbomber bekannt, begann.

70 Jahre später muten die transatlantischen Beziehungen eingerostet an. Unterschiedliche Meinungen in der Tagespolitik sowie mangelndes kulturelles Verständnis für die andere Seite, primär sei an dieser Stelle der erhobene moralische deutsche Zeigefinger auf die USA genannt, lassen oftmals das eigentlich viel stärkere gemeinsame Band doch arg zerbrechlich erscheinen.

Gail Halvorsen, der die deutsch-amerikanische Freundschaft vorbildlich lebte, kam am 12. Mai 2019 im Alter von 98 Jahren nochmals zurück nach Tempelhof. Halvorsen wohnte der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Beendigung der Berliner Luftbrücke als Ehrengast bei.

Die geplante Landung einiger „Rosinenbomber“, zwanzig historische Maschinen waren extra aus den USA angereist, konnte die Festgemeinde jedoch nicht erleben. Der Berliner Senat untersagte die Landeerlaubnis. Ein Affront, der die kriselnden transatlantischen Beziehungen des
21. Jahrhunderts beispielhafte darstellen sollte.

Bildquelle: https://bit.ly/3fLVmRp

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