Was ist ein Leben wert und wo fängt dieses an? Für die Teilnehmer des seit 1973 alljährlich stattfindenden March for Life (Marsch für das Leben) beginnt das Leben im Mutterleib. Die größte US-amerikanische Kundgebung für den Lebensschutz entstand als Reaktion auf das Grundsatzurteil Roe vs Wade des Supreme Court vom 22.01.1973, welches das landesweite Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch festschrieb. Erst im Jahr 2022 wurde diese Entscheidung durch ein neues Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs gekippt, so dass Abtreibungen fortan in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten fallen. Möglich wurde dieses Urteil durch drei von Präsident Donald Trump in seiner ersten Amtszeit nominierte Richter am Supreme Court.
Vor diesem Hintergrund war es keine Überraschung, als Vizepräsident J.D. Vance als Hauptredner des diesjährigen March for Life von den zehntausenden Teilnehmern mit Applaus empfangen wurde. Nach Mike Pence im Jahr 2017 adressierte mit Vance erst zum zweiten Mal ein amtierender US-Vizepräsident den Marsch für das Leben. In seiner Rede erinnerte VP Vance an das Ende von Roe vs Wade sowie an die aus seiner Sicht bedeutenden Errungenschaften der zweiten Trump-Administration im Sinne des Lebensschutzes. Explizit nannte der 50. US-Vizepräsident beispielsweise die Entscheidung, dass kein Steuergeld mehr zur Finanzierung von Abtreibungen/ für Abtreibungsorganisationen verwendet werden dürfe. Mit Trump, so VP Vance, habe die Bewegung einen Verbündeten im Weißen Haus.
Es geht darum, ob wir eine Zivilisation unter Gott bleiben, oder ob wir schließlich zum Heidentum zurückkehren, das die Vergangenheit geprägt hat.
Vizepräsident J.D. Vance beim diesjährigen „March for Life“.
Präsident Trump ließ der Veranstaltung seinen Gruß per Videobotschaft übermitteln. In der kurzen Ansprache betonte der MAGA-Republikaner den Wert der Familie und die Bedeutung des Schutzes von „unschuldigem Leben“. Ebenso plädierte Präsident Trump für einen Wandel in der gesellschaftlichen Kultur der USA, „in jedem Staat, jeder Gemeinde und jedem Winkel unseres wunderschönen Landes“ solle der Schutz des Lebens höchste Priorität haben. Jennie Bradley Lichter, Präsidentin des March for Life, knüpfte an Trumps Worte an und betonte, dass das Recht auf Leben den Kernwert der Vereinigten Staaten darstelle.
Doch trotz einer landesweiten Einschränkung des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch stiegen die Abtreibungszahlen in den vergangenen Jahren weiter an. Einer der Gründe liegt in der nahezu uneingeschränkten Verfügbarkeit der Abtreibungspille Mifepriston, die mittlerweile bei knapp zwei Dritteln aller Abtreibungen eingesetzt wird. Lebensschützer werfen der Trump-Administration vor diesem Hintergrund Untätigkeit vor. Diesen Vorwurf kann man der Regierung Trump im Bereich ihrer aggressiven Abschiebekampagne gegen illegal in den USA lebende Personen sicherlich nicht machen. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde ICE versetzen nicht nur illegale Migranten in Angst und Schrecken.
Nur einen Tag nach dem Marsch für das Leben in Washington D.C. erschossen Bundesbeamte den 37-jährigen US-Amerikaner Alex Pretti in Minneapolis, Minnesota. Der Krankenpfleger wies keine Vorstrafen auf und erwarb auf legalem Wege die Berechtigung, eine Waffe zu tragen. Den Einsatz der Behörden gegen eine mutmaßlich illegal im Land lebende Person dokumentierte Pretti, wie es in zahlreichen Städten der USA von Seiten kritisch eingestellter Bürger gegen die Migrationspolitik der Administration üblich ist. Pretti geriet in ein Handgemenge mit den Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde ICE, am Boden liegend wurde er entwaffnet und kurz darauf von einem Bundesbeamten erschossen.
Gewalt von Seiten der Bundesbehörden gegen Zivilisten ist in den USA seit Jahren ein bedeutendes Thema. Erst Anfang Januar wurde die 37-jährige US-Amerikanerin Renee Good in ihrem Auto von Bundesbeamten erschossen. Der Tatort: Minneapolis, wie schon bei Pretti und im Jahr 2020 bei George Floyd, der durch einen Polizisten ermordet wurde. Die Gründe für solche Gewalttaten sind vielfältiger Natur. Erwähnt seien an dieser Stelle einerseits die oftmals mangelnde Qualifikation von Polizisten und der Mitarbeiter von Bundesbehörden, sich in angespannten Situationen angemessen zu verhalten. Andererseits wird die Gewalt von Seiten der Administration von Präsident Trump durch eine spaltende Rhetorik und dem Verbreiten von Unwahrheiten nochmals angefacht.
Dass die Trump-Administration das brutale Vorgehen der Bundesbeamten vehement verteidigt, wurde in wirkmächtigen Stellungnahmen der ehemaligen Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama kritisiert. Beide Demokraten riefen zum Protest gegen die Abschiebepraxis der Regierung auf: „Wenn wir unsere Freiheiten nach 250 Jahren aufgeben, könnten wir sie vielleicht nie zurückbekommen“, so Clinton. Obama sprach davon, dass es „an jedem von uns als Bürger [liegt], uns gegen Ungerechtigkeit auszusprechen, unsere Grundrechte zu schützen und unsere Regierung zur Rechenschaft zu ziehen.“ Die Mehrheit der US-Amerikaner haben die beiden Demokraten diesbezüglich schon hinter sich, beurteilt doch laut einer repräsentativen Umfrage von POLITICO/ Public First eine relative Mehrheit der Bürger die gegenwärtige Abschiebepolitik als zu aggressiv. Darunter befindet sich eine steigende Anzahl von Unterstützern des amtierenden Präsidenten. Beim Wert des Lebens sollte nämlich kein Unterschied gemacht werden.
Ein Beitrag von Kai-Uwe Hülss M.A.
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