Ein diplomatischer Boykott der Olympischen Spiele reicht nicht aus

Der legendäre Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King Jr. hatte einen Traum. Schon Jahrzehnte zuvor setzte sich der französische Pädagoge, Historiker und Sportfunktionär Pierre de Coubertin für Kings Traum, für das friedliche Zusammenleben der Menschen weltweit, ein. Ein hehres Ziel, welches er durch ein Treffen der Jugend der Welt im Rahmen von Kräftemessen in verschiedenen sportlichen Disziplinen erreichen wollte.

Hierfür gründete de Coubertin im Jahr 1890 das Internationale Olympische Komitee (IOC). Der IOC organisierte fortan alle vier Jahre Olympische Sommerspiele zur Völkerverständigung. Seit 1924 gesellten sich zu den Sommerspielen auch Winterspiele hinzu, die sich seitdem alle zwei Jahre abwechseln.

Missbrauch der Idee

Doch jede gute Idee lädt auch zum Missbrauch ein. Als Exempel dienen die Olympischen Sommerspiele des Jahres 1936 in Berlin. Die Nationalsozialisten nutzten diese für ihre Propagandamaschinerie, um sich im Ausland positiv darzustellen. Vor diesem Hintergrund wurde beispielsweise erstmals (im Sinne der Olympischen Spiele der Neuzeit) ein olympischer Fackellauf ausgerichtet, der zudem erstmals im Fernsehen übertragen wurde. Die Regie für diese Inszenierungen führte Leni Riefenstahl, die sich schon zuvor für zahlreiche nationalsozialistische Propagandafilme verantwortlich zeichnete.

In der jüngeren Vergangenheit sorgten die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi, Russland, für Diskussionen. Der immer autokratischer regierende Präsident Vladimir Putin konnte sich vor einer malerischen Kulisse am Schwarzen Meer zwei Wochen lang perfekt in Szene setzen. Kurz nach den Spielen überfiel Russland die ukrainische Krim und annektierte diese. Ein Konflikt, der sich acht Jahre später so zugespitzt hat, dass Europa am Rande einer erneuten größeren militärischen Auseinandersetzung steht.

Autokratische Systeme ändern sich durch Olympia nicht

Die Hoffnung, dass sich Autokratien auf Grund einer Austragung von Olympischen Spielen liberalisieren, wurde bislang nicht erfüllt. Die Sommerspiele in Peking 2008 gelten hierfür exemplarisch. Im Vorfeld gab es Diskussionen um die Menschenrechtslage im Land. Nach den Spielen sollte sich die Situation, insbesondere seit Amtsantritt von Präsident Xi Jinping im Jahr 2013, sogar nochmals dramatisch verschlechtern.

Dass die Olympischen Winterspiele in Peking stattfinden, ist ein Signal an die Welt, dass die Regierung von Xi Jinping unproblematisch ist. Wenn die Welt eine solche katastrophale Menschenrechtssituation ignoriert, wird es für die Opfer noch schwieriger, für Gerechtigkeit zu kämpfen. (Renee Xia, Chinese Human Rights Defenders)

Und dennoch vergab das IOC die Olympischen Winterspiele 2022 an China. Ein fatales Zeichen, welches sicherlich nicht im Sinne des Gründers der Spiele der Neuzeit ist. Zwischen dem 04. und 20. Februar 2022 hat die kommunistische Diktatur die Chance, sich auf der Weltbühne als moderne, neue Supermacht zu präsentieren. Eine Begebenheit, welche die Volksrepublik China sicherlich nutzen wird, um ihren schon jetzt bestehenden weltweiten Einfluss auszuweiten.

Menschenrechtslage in China

Die Menschenrechtslage in der kommunistischen Diktatur könnte im Jahr 2022 schlechter nicht sein. In der autonomen Region Xinjiang im Nordwesten des Landes werden alle Personen mit modernster Technik systematisch und rund um die Uhr überwacht (weitere Ausführungen bei Amnesty International). Egal ob per App auf Smartphones, Kontrollen auf den Straßen, Gesichtsscanner oder Kameras an jeder Ecke: Vor dem chinesischen Polizeistaat ist kein Entkommen möglich.

China rangiert auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 177. Die Situation ist nur in Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea schlechter. Selbst in Syrien und Saudi-Arabien herrscht größere Pressefreiheit. (Reporter ohne Grenzen)

Freiheit ist in China, zumal in der Region Xinjiang, ein Fremdwort. Mehr als eine Million Uiguren, eine muslimische Minderheit, sind zudem in Internierungslager inhaftiert. Die herrschende Kommunistische Partei verwendet hierfür freilich den euphemistischen Begriff „Umerziehungslager“. Folter und Misshandlungen sind an der Tagesordnung.

Ethnische Diversität und Religion ist für den atheistischen Staat und für die herrschenden Han-Chinesen, die sich zur Stärkung des Nationalbewusstseins des Konfuzianismus bedienen, eine Bedrohung. Wie schon der Zusammenbruch der kommunistischen Staaten Osteuropas gegen Ende des 20. Jahrhundert zeigte, können religiöse Personen einen unbändigen Freiheitswillen entwickeln. So erklärt sich das brutale Vorgehen gegen Uiguren ebenso wie das Online-Verkaufsverbot des Korans und der Bibel. Christen leben in China ihren Glauben wie einst im Ur-Christentum im Untergrund aus – die Gefahr von Repressalien, Verhaftungen und Folter sind allgegenwärtig.

Totale Kontrolle

Die Kommunistische Partei übt eine totale Kontrolle über die offiziell 56 verschiedenen ethnischen Gruppen aus. Als Exempel dient hierbei Tibet im Südwesten des Landes, welches seit Beginn der 1950er Jahre von China besetzt wird. Das tibetische Oberhaupt, der Dalai Lama, muss im Exil leben. Die tibetische Kultur und deren buddhistische Religion wird von der Volksrepublik schrittweise ausgemerzt. Han-Chinesen werden zudem nach Tibet umgesiedelt, um der tibetischen Ethnie den Garaus zu machen. Aus Protest gegen Pekings Politik verbrannten sich schon mehrmals buddhistische Mönche in der Hauptstadt Lhasa.

Religionsfreiheit ist in China nicht existent. Doch auch der Einsatz für politische Freiheiten wird von Peking schon im Keim erstickt. Die gegenwärtige Lage um die Einverleibung des – einst – demokratischen Hongkong ist hierbei das jüngste Beispiel. Das von Deng Xiaoping eingeführte verfassungsmäßige Prinzip von „ein Land, zwei Systeme“ zur Eingliederung Hongkongs in die Volksrepublik China wurde von Xi Jinping ad absurdum geführt. Der Kampf der mutigen Hongkonger für ihre Rechte wurde und wird brutal niedergeschlagen.

USA warten mit Diplomatischem Boykott auf

Unter diesen Bedingungen finden nun also die Olympischen Winterspiele in Peking statt. Von der ursprünglichen Idee der Völkerverständigung ist bei diesen Spielen nichts übrig geblieben. Die Vereinigten Staaten reagierten hierauf frühzeitig und vollziehen einen diplomatischen Boykott. Dies bedeutet, dass keine Regierungsmitglieder- oder beamten den Olympischen Spielen beiwohnen werden. Andere westliche Länder folgten diesem Beispiel.

Der Eröffnungsfeier wohnen dementsprechend primär Autokraten bei: Chinas Präsident Xi Jinping, Russlands Präsident Putin, Kassym-Jomart Tokayev (Kasachstan), Gurbanguly Berdimuhamedov (Turkmenistan) oder Kronprinz Mohammed bin Salman bin Abdulaziz Al Saud (Saudi-Arabien) sind nur einige wenige Beispiele. Vor den Augen der Autokraten dieser Welt, und einiger verirrter Politiker demokratischer Staaten wie Polens Präsident Andrzej Duda, werden diese Spiele stattfinden.

Es sind Olympische Spiele, bei denen es nicht um Völkerverständigung für eine friedlichere Welt geht, sondern um eine Propagandashow einer der schlimmsten Diktaturen des Planeten. Der diplomatische Boykott der USA (und anderer westlicher Länder) ist ein gutes Zeichen. Dennoch ist es reine Symbolpolitik, über die China hinwegsehen kann und wird.

Das eigene Volk wird von diesem Boykott ohnehin nichts mitbekommen, wird das Internet doch vor den Spielen von der Cyberspace Administration of China „gesäubert“. Um Online ein für die Herrschenden positives Bild zu vermitteln, werden Schlüsselmedien, Suchmaschinentrends und Nachrichten systematisch manipuliert. Oder wie es in der offiziellen chinesischen Amtssprache heißt, soll „ein gesundes, glückliches und friedliches Online-Umfeld“ geschaffen werden.

Gladiatoren des 21. Jahrhunderts

Kritik an den Olympischen Winterspielen ist unerwünscht und ebenjene wird systematisch unterdrückt. Selbst den Athleten soll ein Maulkorb verpasst werden. So drohte ein Mitglied des chinesischen Organisationskomitees Sportlern mit Sanktionen, sollten diese mit Meinungsäußerungen gegen chinesische Bestimmungen verstoßen. Dass Athleten ausgespäht und überwacht werden, ist ohnehin allgemein bekannt.

Es braucht keinen enormen Mut für Sportler, sich in den USA aus Protest gegen gesellschaftliche Missstände beim Abspielen der Nationalhymne hinzuknien. Rückgrat würden Athleten erst mit einem Zeichen für Menschenrechte in China zeigen.

Unter diesen Umständen werden Sportler zu Gladiatoren des 21. Jahrhunderts degradiert. Dem kommunistischen China gefällt dies ebenso wie den am Kommerz interessierten IOC. Die Politik des Westens unter Führung der USA würde gut daran tun, ihren Boykott auszuweiten. Es sollte von Anfang an klargemacht werden, dass für die Sicherheit der Sportler eingestanden wird und diese bei möglichen Meinungsäußerungen unterstützt, ja sogar hierfür ermuntert, werden.

Politik und Medien sollten mehr Verantwortung übernehmen

Daran anschließen sollte sich eine umfassende Strategie zur Eindämmung Chinas in der Außen-, Sicherheits- und Handelspolitik. Die USA erarbeiten diese schon seit der Ära Barack Obama. Die Biden-Administration sollte hierbei auch ein vermehrtes Engagement an den Tag legen, um die Europäer von der Sinnhaftigkeit dieser Strategie zu überzeugen. Denn nur gemeinsam können die liberalen Demokratien der freien Welt die aufstrebende kommunistische Diktatur Chinas einhegen.

Zu guter Letzt tragen die Medien eine enorme Verantwortung bei der Übertragung dieser Olympischen Spiele. Dass die sportliche Berichterstattung durch eine andauernde Aufklärung über die oben genannten Bedingungen im Land ergänzt werden sollte, ist unabdingbar. Sportjournalisten sollten zudem nicht in das Reich der Mitte reisen, sondern von ihren Heimatstudios aus berichten. Der US-amerikanische Sender NBC schickt beispielsweise keine Reporter nach China – allerdings aus Gründen der weltweiten Pandemie.

Pierre de Coubertin hatte einen Traum für das friedliche Zusammenleben der Menschen weltweit. Ein Traum, welcher ausgerechnet von der einst von ihm gegründeten Organisation mit der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022 zu einem Albtraum mutierte. Im Jahr 2024 kann sich der freie Westen mit der Austragung der Sommerspiele in Paris und der Winterspiele zwei Jahre darauf in Mailand-Cortina d’Ampezzo unter Beweis stellen, für was der Olympische Gedanke wirklich steht. Für eine Propagandashow einer brutalen Diktatur nämlich ganz gewiss nicht.

 


Bildquellen: Creative-Commons-Lizenzen (via Google); The White House; Biden-Transition; eigene Grafiken.

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