Im Jahr 2012 gelang Christopher Clark mit „Die Schlafwandler“ ein Bestseller und Standardwerk über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der in Großbritannien lehrende australische Historiker stellte dabei die These auf, dass „der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen“ (S. 716) war. Die europäischen Mächte, so Clark, schlafwandelten geradezu in eine große militärische Auseinandersetzung.
Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sieht sich die Welt erneut vor komplexen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Einige Politikwissenschaftler und Historiker sehen darin sogar Parallelen zum Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche Bücher, die an Clarks Erfolg anknüpften, folgten.
Das jüngste Beispiel ist das im C.H. Beck erschienene Werk „Die Traumwandler“, welches sogar Ähnlichkeiten im Titel zu Clarks „Die Schlafwandler“ mit sich bringt. Auf 198 Seiten gehen der Politikwissenschaftler Dr. Josef Braml und der Geheimdienstexperte Mathew Burrows der Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China nach.
Unser gegenwärtiger Entwicklungspfad ist nicht beruhigend und ähnelt der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Damals wie heute stolpert die Welt von Krise zu Krise (…)
Dr. Josef Braml, Mathew Burrows: Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern, S. 12.
Braml und Burrows stellen in ihrem Buch die These auf, dass die Welt ähnlich der 1910er Jahre auf einen Weltkrieg zusteuern könnte, der Weg jedoch nicht vorgezeichnet sei. Vor diesem Hintergrund entwerfen die Autoren drei mögliche Szenarien. In einem „schlechten Szenario“ sehen Braml und Burrows einen neuen Kalten Krieg heraufziehen, der schon begonnen zu haben scheint. Exemplarisch nennen die Autoren hierbei die Sanktionspolitik der USA gegenüber China.
Zur Überraschung vieler Amerikaner und insbesondere der Chinesen war Biden gegenüber China härter als sein Vorgänger Trump, was seine Anti-China-Politik zu einem Markenzeichen seiner Regierung macht.
Braml, Burrows: Die Traumwandler, S. 27.
In einem zweiten, „hässlichen Szenario“ skizzieren die Autoren den Weg zu einem Dritten Weltkrieg. Den gegenwärtigen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sehen Braml und Burrows „als Aufwärmphase für eine viel größere Auseinandersetzung“ (S. 71) mit China. Dass sich die westliche Welt unter Führung der USA für die Werte der Freiheit und Demokratie einsetzt, sehen die Autoren dabei als kontraproduktiv an:
Vor allem die Ukraine, aber zunehmend auch Taiwan werden als Teil des Westens behandelt. Macmillan stellte das gleiche Phänomen für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg fest, als die Mächte ihre Klientelstaaten hatten. Wir verwenden solche abwertenden Begriffe nicht, aber die Dynamik ist die gleiche (…)“
Braml, Burrows: Die Traumwandler, S. 77.
In ihrem dritten Szenario beschreiben die Autoren eine positive sicherheitspolitische Entwicklung, in dem ein heißer Krieg ebenso vermieden werden kann wie zunehmende ökonomische Barrieren zwischen den Ländern. Zur Zielerreichung beschreiben Braml und Burrows jedoch primär, was die Länder der freien Welt hierfür unternehmen müssten.
Das eigentliche Problem auf US-Seite ist der Widerwille, China als Großmacht zu legitimieren.
Braml, Burrows: Die Traumwandler, S. 96.
Dementsprechend hatte es bei ihren Ausführungen den Anschein, als ob Braml und Burrows primär den USA die Schuld an den sich verschlechternden Beziehungen mit autoritären Ländern wie China und Russland geben. Dass eine nachhaltige Zusammenarbeit, wie zum Beispiel bei der Bekämpfung des menschengemachten Klimwandels, jedoch keine Einbahnstraße sein sollte, lassen die Autoren zumeist außen vor.
Als Exempel dienen vor diesem Hintergrund die Ausführungen zum russischen Angriffskrieg, welcher die Vernichtung des ukrainischen Staates und der ukrainischen Kultur und Sprache zum Ziel hat:
Nicht zuletzt erfordert ein dauerhafter Frieden auch, dass die Ukraine und die NATO wieder mit Russland zusammenarbeiten (…) Dialog und eine Zusammenarbeit mit Moskau sind unabdingbar, wenn es nicht zu einem neuen Konflikt kommen soll.
Braml, Burrows: Die Traumwandler, S. 119.
Eben jener Dialog und eben jene Zusammenarbeit, die den historisch gewachsenen russischen Imperialismus erst zu einer vollumfänglichen Invasion der Ukraine ermutigten…
Summa summarum haben die Autoren mit „Die Traumwandler. Wie China und die USA in einen neuen Weltkrieg schlittern“ ein Werk erschaffen, welches zur Diskussion über die wichtigste sicherheitspolitische Herausforderung unserer Zeit anregt. Ein Standardwerk wie das von Clark über den Ersten Weltkrieg ist es allerdings nicht. Ein Anspruch, welchen die Autoren mit ihrem Buch sicherlich auch nicht hatten.
Vielen Dank an den Verlag C.H. Beck für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.
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Die offizielle Buchbeschreibung
War Russlands Überfall auf die Ukraine nur der Anfang? Kommt bald der noch größere Krieg? Ein Krieg zwischen den beiden Supermächten unserer Zeit? Ein Krieg zwischen China und den USA? Ein Krieg, der sich an Taiwan entzündet? Wie können wir verhindern, dass die politischen Führungen dieser Welt als „Traumwandler“ in den Dritten Weltkrieg schlittern, und sich die düsteren Voraussagen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen entwickeln?
Josef Braml und Mathew Burrows erinnern in diesem Buch daran, dass die Zukunft immer offen ist und entwickeln drei Szenarien, anhand derer sich die Welt in den nächsten Jahren entwickeln könnte: ein schlechtes (ein neuer Kalter Krieg mit massiven Wohlstandsverlusten gerade in den ärmsten Ländern), ein hässliches (der Dritte Weltkrieg) und ein erträgliches (eine reformierte Globalisierung 2.0 mit einer Rückkehr zu globaler Kooperation über alle bestehenden Gräben hinweg). Wer in politischen Szenarien denkt, der kann die Stellschrauben besser identifizieren, an denen gedreht werden muss, um ein erträgliches Ergebnis zu erzielen und die Katastrophe zu vermeiden. Denn eines ist auch klar: Wir können uns ein Abgleiten in eine Welt der Konfrontation und der militärischen Auseinandersetzung gar nicht leisten, nicht angesichts der immer noch bedrückenden Armut in der Welt und schon gar nicht angesichts der Herausforderungen durch den Klimawandel.
- Das größte Risiko unserer Zeit liegt in der Konfrontation zwischen China und USA
- Was helfen kann, dieses Risiko zu reduzieren
- Wir können uns einen neuen Kalten Krieg gar nicht leisten – und einen heißen schon gar nicht

Bildquellen: Creative-Commons-Lizenzen (via Google); Canva.com; Verlag C.H. Beck; eigene Grafiken.
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