Während in der „Berliner Luft“ die Unvollkommenheit der deutschen Hauptstadt besungen wird, handelt „New York, New York“ vom Traum des individuellen Aufstiegs im Big Apple. Seit jeher ist New York City der Sehnsuchtsort schlechthin von Migranten, die sich nach einem besseren Leben sehnen. Berlin wiederum ist seit der Wiedervereinigung erneut zum Magneten für Kreative, Künstler, Journalisten und in der Politik tätige Personen aus ganz Deutschland, Europa und der Welt geworden.
Herausfordernde Wohnraumsituation in Metropolen
Die Folge: Mangelnder Wohnraum und steigende Mieten in beiden Metropolen. In New York City hat die Mietpreissituation im vergangenen Jahr ein neues Rekordniveau erreicht. Der Mangel an Neubauten, hohe Zinsen für Immobilienkredite und eine Leerstandsquote von unter 2 % haben zu einem stadtweiten Anstieg der Mieten um 5 %-bis 6 % im Vergleich zum Vorjahr geführt. In den Stadtteilen Brooklyn und Queens werden sogar Anstiege im zweistelligen Prozentbereich verzeichnet. Für eine 1-Zimmer-Wohnung legt man in New York City bereits $ 4.000 bis $ 5.200 pro Monat auf den Tisch.
Ganz so teuer ist Berlin zwar noch nicht. Doch Spree-Athen hat mit einer ähnlichen Wohnungsnot und dementsprechend mit konstant steigenden Mieten zu kämpfen. Wer in der deutschen Hauptstadt nach einer Wohnung sucht, muss heutzutage mit Preisen rechnen, die das Doppelte des Mietspiegelwertes betragen. Zuletzt sind die Angebotsmieten (Bestand) im Vergleich zum Vorjahr um 8,3 % gestiegen. Die Wohnsituation ist daher ein Dauerthema in Berlin und wird auch das wichtigste Thema im kommenden Abgeordnetenhauswahlkampf sein.
Mamdani adressierte die Probleme der Leute
Während in Berlin regelmäßig über die Mietpreisbremse und Enteignungen von privaten Immobilienunternehmen debattiert wird, ließen sich im vergangenen Bürgermeisterwahlkampf die New Yorker von einem Mietenstopp für eine Million mietpreisgebundener Wohnungen überzeugen. Vorgetragen hatte diesen Vorschlag der 34-jährige Zohran Mamdani, der als Mitglied der Democratic Socialists of America für die Demokratische Partei kandidierte, und die Wahl mit einer knappen absoluten Mehrheit für sich entschied.
Neben der Bekämpfung steigender Mieten sprach Mamdani das für New Yorker drängendste Problem steigender Lebenshaltungskosten am glaubwürdigsten an. In einem modernen, frischen Wahlkampf, in dem sich Mamdani bürgernah zeigte und Social Media bestmöglich einsetzte, versprach der bekennende Sozialist des Weiteren einen kostenfreien Busverkehr sowie eine universelle Kinderbetreuung für alle Kinder zwischen sechs Wochen und fünf Jahren. Finanziert werden soll dies unter anderem durch eine Erhöhung des kommunalen Spitzen- und Unternehmenssteuersatzes.
Wahlkämpfe in New York City und Berlin weisen parallelen auf
Der seit dem Jahreswechsel neue Bürgermeister von New York City wartete mit Vorschlägen im Wahlkampf auf, die sicherlich auch von der Linken in Berlin gutgeheißen würden. Tatsächlich sind die Parallelen hinsichtlich der Ausgangssituationen zur New Yorker Bürgermeisterwahl und der Berliner Abgeordnetenhauswahl unverkennbar. Einerseits ist da das oben beschriebene drängendste Wahlkampfthema der steigenden Lebenshaltungskosten. Andererseits sind da Kandidaten aus dem linken politischen Spektrum für das höchste politische Amt beider Städte, die eine Einwanderergeschichte aufweisen.
Der in Uganda geborene Mamdani wanderte im Jahr 1999 mit seiner indischstämmigen Familie in die USA aus. Erst seit dem Jahr 2018 besitzt er neben der ugandischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Die Eltern von Linken-Kandidatin Elif Eralp flohen wiederum nach einem Militärputsch aus der Türkei nach Deutschland, wobei ihre Mutter zu diesem Zeitpunkt im achten Monat schwanger mit ihr war. Eralp will sich im anstehenden Wahlkampf, wie Mamdani, auf die Themen des bezahlbaren Wohnraums und auf Antidiskriminierung fokussieren. Letzteres ist auch ein Herzensanliegen Mamdanis, studierte er doch einst Afrikastudien.
Eine weitere Parallele ist die Unbeliebtheit der Amtsinhaber. Eric Adams verzeichnete die niedrigste Zustimmung zur Arbeit eines New Yorker Bürgermeisters seit Beginn der Umfrageaufzeichnungen. In seinem letzten Jahr als Bürgermeister pendelte Adams’ Zustimmung zwischen 20 % und 27 %. Werte, mit denen sich der amtierende Berliner Regierende Bürgermeister Kai Wegner gut auskennt. Laut einer Erhebung von Civey waren im Dezember 2025 nur 29 % der Berliner mit der Arbeit des Christdemokraten zufrieden. Mit seinem ausbaufähigen Krisenmanagement während des größten Stromausfalls in der Hauptstadt seit dem Zweiten Weltkrieg dürften sich Wegners Werte kaum verbessert haben. Im LänderTrend vom Sommer 2025 war Wegner von den 16 Regierungschefs der Bundesländer sogar der Unbeliebteste.
Voraussetzungen für ein gutes Abschneiden der Linken ist gegeben
Freilich, Wahlen in New York City und Berlin sind, allein wegen eines unterschiedlichen Wahlsystems, schwer miteinander zu vergleichen. Doch sind die Voraussetzungen für ein gutes Abschneiden der Linken bei der diesjährigen Abgeordnetenhauswahl ebenso gegeben wie für den selbst ernannten Sozialisten Mamdani in New York City im vergangenen November. Nimmt sich Die Linke ein Beispiel am Haustürwahlkampf und an der Social-Media-Kampagne Mamdanis, die die drängendsten Probleme mit populistischen Lösungsansätzen ansprach, dann ist eine Rückkehr der Linken in den Berliner Senat realistisch. In der letzten Umfrage von Infratest dimap zur Berliner Abgeordnetenhauswahl rangierte Die Linke mit 18 % schon auf Rang zwei hinter der CDU. Mit SPD und Bündnis 90/Die Grünen könnte eine Regierung gebildet werden.
Doch bis dahin benötigt die Partei Selbstdisziplin und den Mut für einen Blick über den großen Teich. Dass bei einem Wahlerfolg die richtige Arbeit erst beginnt und Berlin noch lange keine sozialistische Stadt ist, weiß Die Linke bereits seit ihrer letzten Regierungsbeteiligung. Eine Erfahrung, die Mamdani in New York City erst noch bevorsteht. Die Democratic Socialists of America sprachen vor diesem Hintergrund schon eine Warnung an ihren Kandidaten aus. Der Traum des kollektiven Aufstiegs in New York City bleibt in weiter Ferne und wird wohl eine Utopie des Sozialismus bleiben, dessen Ideen bislang immer zu Dystopien führten. An diese Unvollkommenheit, die zum Puls Berlins gehört, muss sich Mamdani in New York City erst noch gewöhnen.
Ein Beitrag von Kai-Uwe Hülss M.A.
Bildquellen: Creative-Commons-Lizenzen (via Google); Canva.com; eigene Grafiken.
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