Einführungen in politische Systeme sind für die breite Bevölkerung nahezu so „spannend“ zu lesen wie Verfassungen oder Gesetzestexte. Stephan Bierling, Professor für Internationale Politik und transatlantische Beziehungen an der Universität Regensburg, hat sich dennoch daran gewagt, ein aktualisiertes Werk zum politischen System der Vereinigten Staaten von Amerika vorzulegen. Schließlich, so Bierling im Klappentext, besitzen „ältere Einführungswerke (…) im Grunde nur noch historischen Wert“.
Gleichwohl sich die verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen nicht oder nur bedingt änderten, sind hinsichtlich des politischen Miteinanders und des Umgangs mit Macht in der Tat grundlegende Veränderungen zu konstatieren. Schließlich stehen sich in den 2020er Jahren „Republikaner und Demokraten (…) im Bund und in den Einzelstaaten wie verfeindete Stämme gegenüber, unwillig zum Kompromiss, dem Herzstück des politischen Systems“ (Stephan Bierling: Die Unvereinigten Staaten, S. 11).
Folgerichtig ist das im C.H. Beck Verlag erschienene Werk mit „Die Unvereinigten Staaten. Das politische System der USA und die Zukunft der Demokratie“ betitelt. Auf 336 Seiten nimmt Bierling seine Leser auf einer sehr gut lesbaren Reise durch die expliziten Eigenschaften und Begebenheiten der Exekutive, Legislative, Judikative, Verwaltung und des Föderalismus in den USA mit. Dass er zu Beginn des Buches den Fokus auf die schon seit Jahrzehnten ansteigende Polarisierung und deren vielfältige Entstehungsgründe legt, gibt dem Werk einen zusätzlichen Mehrwert zum Verständnis der aktuellen Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Republikanern:
In den vergangenen 60 Jahren sind in der amerikanischen Gesellschaft (…) drei große Konfliktlinien aufgebrochen entlang von Race, Religion und Lebensqualität.
Bierling: Die Unvereinigten Staaten, S. 52.
Dies wiederum hatte laut Bierling die Folge, dass „sich die Parteien von weltanschaulich heterogenen Sammelbecken zu programmatisch homogenen Kampfverbänden“ (Bierling: Die Unvereinigten Staaten, S. 86) entwickelten. Mit anderen Worten ausgedrückt:
Die Demokraten sind die Partei der Minderheiten und der bessergebildeten, säkularen und ethnisch toleranten Weißen, die eher in Städten wohnen, die Republikaner die der schlechterausgebildeten, religiösen und fremdenskeptischen Weißen, die überproportional auf dem Land leben.
Bierling: Die Unvereinigten Staaten, S. 53.
Eine Begebenheit, die nicht zuletzt bei der Stimmenauszählung der US-Präsidentschaftswahl Beachtung finden sollte. Vor diesem Hintergrund ist „Die Unvereinigten Staaten“ von Stephan Bierling ein sehr lesenswertes Werk, welches so gar nicht schwerfällig daherkommt wie so manch andere Einführungen in politische Systeme.
Vielen Dank an den Verlag C.H. Beck für die Zusendung eines Rezensionsexemplars. Weiterführende Informationen des Verlags (Klick hier).
Die offizielle Buchbeschreibung
„E pluribus unum“, aus vielem eines: So lautet der Wappenspruch im Siegel der USA. Doch davon ist nicht mehr viel übrig. Die Vereinigten Staaten sind in einem Ausmaß zerstritten und verfeindet wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr. Die Hauptursache dafür ist die parteipolitische Polarisierung, die mittlerweile alle Akteure, Institutionen und Verfahren der amerikanischen Demokratie erfasst hat. Dieses Buch erklärt, wie das politische System der USA funktioniert und woran es liegt, dass es immer weniger funktioniert – mit dramatischen Auswirkungen nicht nur für die USA, sondern auch für die Zukunft der Demokratie und uns alle. Es könnte nicht aktueller sein.
Ältere Einführungswerke in das politische System der USA besitzen im Grunde nur noch historischen Wert – so dramatisch haben sich die Zustände in der Supermacht in den letzten drei Jahrzehnten verändert. Dass den Parteien eine geschlossene Programmatik fehlt, sie regional sehr unterschiedlich sind, das Mehrheitswahlrecht moderate Politiker bevorzugt, Präsident und Kongress oft über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeiten, Bundesrichter überparteilich agieren, checks and balances Angriffe auf die Demokratie wirksam verhindern: All das ist längst überholt oder steht auf der Kippe.
Stephan Bierling, einer der besten deutschen Kenner der USA, stellt in diesem grundlegenden Werk Aufbau und Funktionsweise des politischen Systems dar, erklärt die Aufgaben der Institutionen und Besonderheiten wie das Impeachment, Gerrymandering oder Filibuster, aber zugleich geht er dabei stets der Frage nach, warum die Mechanik des Regierens sich so stark verändert hat und wie sich Demokratie heute in den USA real vollzieht. Sein Buch ist eine unerlässliche Lektüre für alle, die besser verstehen wollen, was eigentlich los ist mit den USA und woran es liegt – nicht erst seit Donald Trump.

Bildquellen: Creative-Commons-Lizenzen (via Google); Canva.com; Verlag C.H. Beck; eigene Grafiken.
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