Die größte sicherheitspolitische Herausforderung in den ersten 100 Tagen der Präsidentschaft von Donald Trump stellt neben dem Bürgerkrieg in Syrien zweifelsohne Nordkorea dar.
1600 Pennsylvania sprach mit dem Nordkorea-Experten Rüdiger Frank, um eine nüchterne Einschätzung zur sicherheitspolitischen Lage auf der koreanischen Halbinsel zu bekommen.
Barack Obama galt als der erste pazifische Präsident der Vereinigten Staaten. Wie beurteilen Sie Obamas außenpolitisches Wirken in Ost- und Südostasien?
Rüdiger Frank: Leider ist Präsident Obama den in ihn gesetzten hohen Erwartungen bezüglich Koreas nicht gerecht geworden. Das mag an den Erwartungen gelegen haben oder am republikanischen Senat.
Jedenfalls haben weder der pivot to asia noch der quasi vorsorglich verliehene Friedensnobelpreis adäquate Resultate gebracht. Besonders fatal war Obamas Versäumnis, Kim Jong Un zu treffen, als dieser noch ganz frisch im Amt war und somit weitgehend unbelastet.
Strategic patience beruhte auf der Idee, dass sich das Problem Nordkorea von selbst lösen wird. Das war eine Illusion, von der sich Obama nie befreien konnte. Er hat der ultrakonservativen Regierung in Seoul die Führung überlassen, was ebenfalls nicht die klügste Wahl war.
Mit Amtsantritt von Donald Trump und dem Geburtstag des nordkoreanischen Staatsgründers Kim Il-sung haben sich die Spannungen zwischen den USA und Nordkorea einmal mehr verschärft. Wie ernst ist das jüngste Säbelrasseln zu nehmen?
Frank: Eigentlich ist das, so traurig es ist, business as usual. 2013 war es sogar noch schlimmer. Neu ist in diesem Jahr Donald Trump, den derzeit wohl kaum jemand einschätzen kann.
Unberechenbarkeit in den internationalen Beziehungen ist ein Risikofaktor, da niemand negativ überrascht werden will und daher die Akteure, darunter Nordkorea, tendenziell eher zu Gewalt als Mittel der Verteidigung greifen werden, als sie das sonst machen würden.
Grundsätzlich bleibt es dabei, dass kein ernstzunehmender Analytiker davon ausgeht, dass Nordkorea zuerst angreifen wird. Zum Gegenschlag sind sie aber auf jeden Fall bereit, darüber kann es kaum Zweifel geben. Sie werden auf das geringste Anzeichen eines Angriffs umgehend reagieren.
Was bezweckt Nordkorea mit seinen Raketentests oder anders gefragt: Stellt Nordkorea eine ernstzunehmende Gefahr für den Frieden in der Region und der Welt dar?
Frank: Nordkorea folgt der alten Strategie der Abschreckung, die immerhin von 1945 bis 1990 die Grundlage der globalen Beziehungen war. Nordkorea weiß, dass es im konventionellen Bereich zu schwach ist und auch immer zu schwach sein wird, um einen Angriff der USA mit Sicherheit ausschließen zu können.
Dieser ist seit dem ersten Irakkrieg und besonders seit den Kriegen in Afghanistan und dem Irak nach 9/11 aber sehr wahrscheinlich geworden, da die unipolare Welt keinen Schutz mehr bietet. Also entwickelt man Waffen, mit denen man zwar keinen Krieg gewinnen kann, aber einem potentiellen Angreifer so viel Schaden zufügen kann, dass dieser auf den Angriff verzichtet.
Nordkorea ist also so lange keine unmittelbare Gefahr für den Frieden, wie Nordkorea nicht über tausende Atomraketen, U-Boote, Satelliten und Flugzeugträger verfügt – oder bis Nordkorea angegriffen wird. Ersteres ist unrealistisch. Letzteres ist eine Entscheidung der USA.
China gilt als der Schlüssel zu einem diplomatischen Erfolg in Nordkorea. Wie könnte eine Befriedung des Konfliktes aussehen?
Frank: Chinas Rolle wird im Westen oft komplett falsch eingeschätzt. China strebt langfristig die Dominanz über ein formal unabhängiges vereintes Korea an. Dafür ist die Zeit auf Chinas Seite. Nordkorea reformiert sich bereits seit gut 15 Jahren unter vorsichtiger, aber aktiver Mitwirkung Chinas.
Südkorea wird gleichzeitig immer abhängiger von der chinesischen Wirtschaft. Die Richtung ist also eindeutig. Beijing muss nur verhindern, dass Nordkorea zu früh kollabiert, oder dass externe Kräfte eine koreanische Vereinigung herbeiführen, solange Südkorea noch ein enger Verbündeter der USA ist und Nordkorea nicht reformiert genug ist. Darum versucht Präsident Xi so eng mit Donald Trump zusammenzuarbeiten. Nicht, um ihm zu helfen, nein; sondern, um ihn gegebenenfalls bremsen zu können.
Wie könnte eine friedliche Lösung aussehen? Kim und Trump setzen sich zusammen und handeln einen Deal aus. Nordkorea stoppt sein Atomwaffenprogramm, lässt Inspektionen zu und tritt allen relevanten internationalen Verträgen bei. Die USA helfen Nordkorea bei seiner Wirtschaftsentwicklung, wie sie es auch mit den Diktaturen in China ab 1971 und in Südkorea ab 1961 gemacht haben.
Dann wäre ein vereintes Korea ein Land, dessen Neutralität durch die USA garantiert werden würde. Klar ist, dass China versuchen wird, das zu verhindern. Es fragt sich auch, ob Washington klug genug ist, die Vorteile dieser Lösung zu erkennen. Nordkorea ist übrigens durchaus zu solchen Gesprächen bereit, das weiß ich aus erster Hand.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Kai-Uwe Hülss.
Der Interviewte
Rüdiger Frank ist Autor des Bestsellers „Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates“, Professor für „East Asian Economy and Society“ an der Universität Wien und besuchte schon mehrmals Nordkorea, unter anderem als Student an der Kim-Il-sung-Universität im nordkoreanischen Pjöngjang und als Mitglied von EU-Delegationen. Frank zählt laut Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu einem der einflussreichsten deutschen Ökonomen und hat u.a. schon mit Richard Branson, Jimmy Carter, Joseph Stiglitz oder Kim Dae-jung zusammengearbeitet.
Weiterführende Informationen
Bilderstrecke: Nordkoreanische Einblicke (The Atlantic)
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Bildquellen: Rüdiger Frank; Creative-Commons-Lizenzen; Canva.com
Saba Ahmed: Die GOP ist die beste Wahl für amerikanische Muslime, da sie konservative islamische Werte vertritt. Wir treten für das Leben ein (Pro-Life), sind für die traditionelle Ehe, pro Wirtschaft, pro Handel, pro Verteidigung etc. Um in Amerika etwas zu bewegen, ist es, so denke ich, der beste Weg sich innerhalb der republikanischen Partei zu engagieren, um ihre Ansichten über den Islam und Muslime zu verändern.
Luis Alvarado: Trump hat weder exekutive Erfahrungen noch hat er überhaupt ein Verständnis für die Funktionsweisen von Regierungsbehörden.
Alvarado: Herr Trump hat die kostenlose Berichterstattung über ihn genutzt, um mit der republikanischen Basis in Verbindung zu treten und letztendlich die Kandidatur der Partei zu gewinnen. Das war ein Kunststück.
Jürgen Hardt: Die transatlantische Partnerschaft spielt angesichts der skizzierten außen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen eine ganz herausragende Rolle. Unsere Fähigkeit, die vielfältigen Krisen tragfähigen politischen Lösungen zuzuführen, hängt unmittelbar davon ab, wie eng und kohärent wir im transatlantischen Schulterschluss zusammen arbeiten. Diese Erkenntnis hat sich nicht nur hier, sondern auch im politischen Washington gefestigt: Kaum zuvor hat es eine derart enge Abstimmung zu den wichtigen außen- und sicherheitspolitischen Fragen zwischen Washington und Berlin und Brüssel gegeben wie aktuell.
Die Allianzpartner haben zuletzt beim Gipfel in Lissabon im November 2010 ein Strategisches Konzept beschlossen, dass nicht nur den geopolitischen und sicherheitsrelevanten Entwicklungen Rechnung trägt, sondern auch den Handlungsrahmen für die NATO angesichts dieser Herausforderungen vorgibt. Die darin definierten Schlüsselaufgaben für die NATO – Kollektive Verteidigung, Internationales Krisenmanagement und Kooperative Sicherheit – haben an ihrer Gültigkeit seither nicht verloren. Gleichwohl gab es Verschiebungen in der Gewichtung vor dem Hintergrund der veränderten Sicherheitslage in Europa, nicht zuletzt seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland sowie die anhaltende Destabilisierung der Ostukraine.
Gerade vor diesem Hintergrund halte ich es für falsch, die Verhandlungen verfrüht für gescheitert zu erklären, während die Gespräche zu den politisch heikelsten Themenbereichen gerade erst begonnen haben. Vielmehr sollten wir den Verhandlungsführer auf EU-Seite – von deren Professionalität ich auch durch viele persönliche Gespräche absolut überzeugt bin – für diese wichtige Phase den Rücken stärken.
Omid Nouripour:
Was erwarten beziehungsweise erhoffen Sie sich von den transatlantischen Beziehungen in den kommenden Jahren?