Lernt von den USA, zeigt Haltung!

Dr. Norbert Röttgen nimmt Platz. Es zeigt sich, dass der meterlange Tisch zu niedrig für den zu hoch eingestellten Stuhl ist. Der CDU-Außenpolitiker muss, wie alle Personen, die an diesem Ort sitzen, bei seiner Ansprache regelrecht vor sich hinkauern: Mit den Armen stützt er sich am Tisch ab, der Oberkörper ist ohne Anspannung. Nicht gerade eine gute Position, um Reden zu schwingen.

Dr. Röttgen verkündet an diesem Ort, dessen Hintergrund in neutralem deutschen Bürokraten-Blau getaucht ist, und in dieser Haltung seine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz der CDU Deutschlands. Wie es der Name der Bundespressekonferenz schon andeutet, sind lediglich Pressevertreter geladen. Wie es auch die Körperhaltung suggeriert, sollen bei diesem Termin keine Wähler direkt angesprochen werden. Via Medien wird über Bande gespielt.

Eine Aufbruchstimmung kann von solchen Kandidaturverkündigungen kaum ausgehen. Politiker bewegen sich vielmehr in der Bubble der Hauptstadt. Nur ein paar hart gesottene Anhänger verströmen infolgedessen auf Twitter, eine weitere Bubble der politisch Aktiven und Journalisten, so etwas wie Begeisterung. Von den durchschnittlichen Parteimitgliedern, die erstmals direkt zur Wahl eines CDU-Parteivorsitzenden aufgerufen sind, wird diese Veranstaltung gefühlsarm registriert, das unabhängige Wahlvolk dürfte ohnehin kaum etwas davon mitbekommen.

Was auf Dr. Röttgen zutrifft, gilt freilich auch für andere deutsche Kandidaten. Schon zu Beginn des Jahres, als die CDU (der Beitrag gilt auch für andere deutsche Parteien) ebenso schon auf der Suche nach einer neuen Führungskraft war, informierten Dr. Röttgen, Friedrich Merz und das Team Armin Laschet/ Jens Spahn in der Bundespressekonferenz über ihre Zukunftspläne. Allem Anfang ist ein Zauber inne. Nur eben nicht von deutschen Kandidaturen, die von diesem ansonsten als altehrwürdig geltenden Ort ausgehen.

Anders in den USA. In der Regel werden Kandidaturen bei großen Veranstaltungen vor den eigenen Anhängern an bedeutenden Orten verkündet. Hierbei tritt der Hauptakteur ebenso auf wie dessen prominente Unterstützer. Die Anhängerschaft wird oftmals von einer Musikgruppe bei Laune gehalten. Erinnert sei an dieser Stelle an die Präsidentschaftskandidaturen von Senator Bernie Sanders, der trotz seines hohen Alters seine Anhänger begeisterte und wahre Leidenschaft ausstrahlte (siehe nachfolgendes Video). Ein #FeelTheBern wäre wohl kaum von der Bundespressekonferenz ausgegangen.

Dabei handelt es sich nicht nur um die großen Kandidaturen zu einer Präsidentschaftswahl. Schon auf den unteren Ebenen innerhalb der Bundesstaaten oder gar Wahlbezirken finden diese Events statt. US-Amerikanische Politiker versprechen sich hiervon Rückenwind für ihre Anliegen und für den kommenden Wahlkampf, egal ob dieser nur einen Monat oder ein Jahr dauert.

Exemplarisch sei an dieser Stelle die Verkündigung von George P. Bush genannt, der gegenwärtig für das Amt des Attorney Generals von Texas kandidiert. In einer kleinen Halle waren Bushs Anhänger ebenso zugegen wie lokale Unterstützer aus Politik und Wirtschaft (siehe nachfolgendes Video).

Freilich besitzen die USA und Deutschland unterschiedliche Kulturen in Politik und Gesellschaft, die es beidseitig zu respektieren gilt. US-Amerikaner weisen eine andere Mentalität auf, sind in der Regel selbstbewusster als Deutsche, welche zudem sehr steif daherkommen. Nach 16 Jahren Dr. Angela Merkel im Bundeskanzleramt ist die politische Klasse zudem geprägt von einer gewissen Langeweile, einem technokratischen Selbstverständnis und mit wenigen Kanten. Die Wahlerfolge von Olaf Scholz im Bund oder Stephan Weil in Niedersachsen gelten hierfür exemplarisch. Dass die USA und Deutschland zudem noch divergierende politisches Systeme inne haben, ist zudem ein entscheidender Unterschied.

Doch auch wenn deutsche Politiker nicht gleich die Rolltreppe in einem luxuriösen Wolkenkratzer herunterkommen oder wie einst Barack Obama ein motivierendes „Ready to go?“ in die Menschenmenge hinausschreien müssen, um ihre Ambitionen auf ein Amt kundzutun, wäre dann doch etwas mehr Enthusiasmus angebracht.

Von den USA lernen heißt in Bezug auf die – innerparteiliche – Demokratie auch Haltung zu zeigen. Die Körperspannung in der Kommunikation mit Medien und Bürgern hat ebenso etwas mit Respekt gegenüber den Adressaten und mit einem politischen Stil zu tun. Demzufolge könnten auch deutsche Politiker kleine Veranstaltungen organisieren, um zuerst den eigenen Anhängern ihre weiteren Karrierepläne mitzuteilen.

Für die Berichterstattung wäre dies eine willkommene Abwechslung. Für die deutsche Demokratie zudem eine Bereicherung, würde die Wählerschaft verstärkt in den demokratischen Prozess mit einbezogen werden. In rückenunfreundlicher Position können auch noch später in der Bundespressekonferenz Fragen der Journalisten beantwortet werden. 

Bildquellen: Creative-Commons-Lizenzen (via Google); eigene Fotos; canva.com; eigene Grafiken

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