Die Buchbesprechung: „Henry Kissinger. Wächter des Imperiums“ (Bernd Greiner)

Als die Spielvereinigung Greuther Fürth in der Saison 2012/2013 erstmals der Fußball-Bundesliga angehörte, ließ es sich der bekannteste Sohn der Stadt nicht nehmen, dem traditionsreichen Ronhof einen Besuch abzustatten. Extra aus den Vereinigten Staaten von Amerika angereist, sah Henry Kissinger zwar keinen Sieg seiner Kleeblätter. Doch Kissingers Leidenschaft für den Fürther Flachpass, welcher der Mannschaft in den 1920er Jahren zu deutschlandweiter Berühmtheit verhalf, sollte freilich nicht verflachen.

Wie auch. Denn schon in eben jenen 1920er Jahren besuchte der als Heinz Alfred Kissinger geborene Fürther Junge regelmäßig die Spiele seiner Mannschaft. Doch die Idylle währte nicht lange, unruhige Zeiten brachen an. Auf die Weltwirtschaftskrise folgte die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Familie Kissinger, jüdischen Glaubens wie so viele Familien in Fürth, musste das Land verlassen.

Es folgte eine Weltkarriere des ältesten Sohnes, welche Hollywood nicht besser schreiben hätte können: Auf den Militärdienst bei der U.S. Army folgte während des Zweiten Weltkriegs die Rückkehr nach Deutschland – militärische Aufklärung im Dienste der Vereinigten Staaten. Nach dem Krieg half Kissinger bei der Entnazifizierung der Bevölkerung mit. Stationen in seinem Leben, die ihn prägten. Insbesondere die geknüpften Kontakte sollten Kissinger im weiteren Karriereverlauf hilfreich sein. 

In seinem 480 Seiten starken Werk „Henry Kissinger. Wächter des Imperiums“ arbeitet der Historiker Bernd Greiner Kissingers Verbindungen ebenso detailliert heraus wie die weiteren Stationen des Fürthers. Stellvertretend seien an dieser Stelle Kissingers herausragende Positionen als Nationaler Sicherheitsberater sowie als Außenminister unter Präsident Richard Nixon genannt. Immer wieder zitiert der Autor aus den Gesprächen mit Beteiligung Kissingers, welche dank der zahlreichen Tonbandaufnahmen im damaligen Weißen Haus der Öffentlichkeit bekannt sind. 

Nicht zuletzt durch diesen Einsatz verfasste Greiner eine lebendige Biographie über Kissinger, die gleichzeitig immer eine kritische Distanz zur Hauptperson des im Verlag C.H. Beck erschienenen Werkes wahrt. Denn Henry Kissinger ist als Friedensnobelpreisträger nicht nur der berühmteste Sohn der Stadt Fürth. Er ist auch eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Sicherheitspolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. 

Vielen Dank an den Verlag C.H. Beck für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.  Weiterführende Informationen des Verlags (Klick hier).

Die offizielle Buchbeschreibung
Henry Kissinger, ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Auf diesen Nenner lässt sich sein politisches Denken und Handeln bringen. Zugleich verstand er es, sich zur Marke in Übergröße zu machen, egal, ob als Sicherheitsberater zweier amerikanischer Präsidenten, als Außenminister, Elder Statesman, Bestsellerautor, Politikberater oder Orakel. Sich immer im Gespräch zu halten, war und ist Kissingers größter Erfolg. Gestützt auf eine Vielzahl unbekannter Quellen, rekonstruiert Bernd Greiner das Leben eines Mannes, der für die Macht lebte und in die Geschichte eingehen wollte – mit allen Mitteln und um fast jeden Preis. Der Riese taumelte. Amerika führte einen Krieg, der nicht zu gewinnen war, seine Wirtschaft lebte auf Pump, mächtige Konkurrenten machten seinen Führungsanspruch streitig, die politische Elite war zerstritten wie selten zuvor. Ratlosigkeit und Zeitdiagnose im Panikmodus, wohin man auch blickte. Was macht eine Weltmacht, wenn ihr die Macht entgleitet? Wo war Amerikas Platz in einer multipolaren Welt? Welche Rolle sollten Militär und Diplomatie künftig spielen? War es ratsam, sich dem Wandel entgegenzustellen, ihn gar auf halten zu wollen? Oder musste von Grund auf neu über Ordnung und Sicherheit nachgedacht werden? Als diese Fragen Ende der 1960er Jahre auf die Tagesordnung drängten, betrat Henry Kissinger die große Bühne. In jungen Jahren vor den Nazis geflohen, schrieb er in der neuen Heimat eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Für die einen ist er unwiderstehlich, für andere unausstehlich und für alle unvermeidlich. Noch heute ist Kissinger aktuell – auf verstörende Weise und in jedem Fall anders, als er es selbst gerne hätte. Denn er wollte Grenzen verschieben, die nicht mehr zu verschieben waren. Im Grunde spiegelt seine Karriere ein Dauerproblem amerikanischer Außenpolitik und die Antiquiertheit ihrer bevorzugten Leitideen: Vorherrschaft, Wille zur Gewalt, Mehrung eigener Macht durch die Angst der anderen.

TV-Debatten: Chance für Trump, Risiko für Biden

Die Fernsehdebatten zwischen den Präsidentschaftskandidaten gehören zu den Höhepunkten eines jeden Wahlkampfes. Auch für das Jahr 2020 sind drei Duelle zwischen den Kandidaten für das Weiße Haus geplant. Die TV-Debatte zwischen dem amtierenden Vizepräsidenten und seiner Herausforderin komplementiert das Fernsehspektakel.

Zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort sich die Duellanten jeweils treffen, von wem die jeweilige Debatte moderiert wird und wie diese zu sehen sein werden, findet ihr auf folgender Sonderseite (Klick hier).

Die Covid19-Pandemie hat die Wahlkampfausübung in diesem Jahr enorm verändert. Großveranstaltungen werden nahezu ausschließlich im Freien und durch Präsident Donald Trump abgehalten. Herausforderer Joe Biden konzentriert sich auf Veranstaltungen mit einer sehr kleinen Teilnehmerzahl.

Unentschlossene Wähler können sich somit kaum ein persönliches Bild von den Bewerbern um das Weiße Haus vor Ort machen. Die Fernsehdebatten werden einen größeren Einfluss auf die Wählerschaft ausüben als üblich. Es ist das Format, in der die Kandidaten in diesem Jahr am besten direkt miteinander verglichen werden können.

Normalerweise geht der Präsident mit einem Amtsbonus in die Debatten. Nicht so in diesem Jahr. Wenngleich Präsident Trump während seiner gesamten Amtszeit mit konstanten Umfragewerten aufwarten konnte, lagen diese doch immer unter der 50 Prozentmarke. Infolgedessen liegt Biden in Bezug auf die Präsidentschaftswahl in Umfragen auf nationaler Ebene ebenso wie in den wichtigen Swing States in Führung.

Bei den diesjährigen Debatten hat der Herausforderer folglich mehr zu verlieren als der Amtsinhaber. Präsident Trump sieht in den Duellen mit Biden die Chance an Boden gut zu machen. Aufgrund dessen plädierte die Wiederwahlkampagne des Präsidenten auch für eine zusätzliche vierte Debatte mit Biden – vergeblich. Demokraten wiederum rieten Biden die Fernsehdebatten gleich ganz abzusagen – ebenso vergeblich.

Beiden Kampagnen ist es gewiss, dass ein schlechter Auftritt bei einer TV-Debatte den Wahlkampf vorentscheidend verändern kann. Als 1960 Vizepräsident Richard Nixon auf U.S. Senator John F. Kennedy in der erstmals überhaupt ausgestrahlten Fernsehdebatte traf, zog dieser im Schwarz-Weiß-Fernsehen einen grauen Anzug an – das Symbolbild der „grauen Maus“ war geboren. Schon vor dem ersten Wortgefecht gewann Kennedy die Debatte – denn dieser stellte sich perfekt in einem schwarzen Anzug dar (siehe untenstehendes Video).

Solch ein Fehler kann heute, schon alleine auf Grund des Farbfernsehens, nicht mehr passieren. Doch Versprecher, Aussetzer oder unvorteilhafte Bewegungen und Gesten sind auch im Jahr 2020 noch Fallen für einen jeden Bewerber um das Weiße Haus. Die Debatten zwischen Präsident Trump und dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Biden werden ein, wenn nicht sogar der Höhepunkt des Wahlkampfes sein.

So treten die Kandidaten traditionell bei Debatten auf

Das Auftreten von Joe Biden bei TV-Debatten kann in der Regel als durchschnittlich bewertet werden. Biden hat oftmals Probleme seine Schlüsselpunkte klar zu formulieren. Der demokratische Präsidentschaftskandidat hält sich strikt an die Debattenregeln, so dass er nach Erreichen des Redezeitlimits des Öfteren seine Ausführungen mitten im Satz unterbricht.

Das Auftreten von Präsident Trump bei TV-Debatten gilt als unorthodox. Präsident Trump mag es seine Kontrahenten zu unterbrechen und zu beleidigen. Mit Fakten nimmt es der Amtsinhaber nicht so ernst.

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HIGH-FIVE mit Bastian Hermisson: „Trump ist der Traum-Präsident der fossilen und energieintensiven Lobbygruppen“

In den ersten Bundesstaaten können US-Amerikaner schon ihre Stimme für die anstehenden Präsidentschafts- und Kongresswahlen abgeben. Mit den Wahlen neigt sich auch die Legislaturperiode von Präsident Trump dem Ende entgegen. Ein guter Zeitpunkt, um eine erste Bilanz aus einem klimapolitischen Blickwinkel zu ziehen. „1600 Pennsylvania“ konnte hierfür Bastian Hermisson, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington D.C., gewinnen.

Die – erste – Amtszeit von Präsident Trump neigt sich dem Ende entgegen. Wie fällt Ihre Bilanz hinsichtlich der Klimapolitik der Trump-Administration aus?

Aus Sicht einer wissenschaftsbasierten Klimapolitik und künftiger Generationen war die bisherige Klimapolitik der Trump-Regierung katastrophal. Trump stellt öffentlich den menschengemachten Klimawandel infrage und verweigert sich wissenschaftlichen Erkenntnissen. Er entzieht sich jeder nationalen und internationalen Verantwortung, diese Herausforderung zu adressieren.

Stattdessen hat die Regierung frühere klima-, umwelt- und energiepolitische Regulierungen in einem atemberaubenden Tempo rückabgewickelt, vom Clean Power Plan der Obama-Regierung, dem klimapolitischen Herzstück der bisherigen US-Politik, über Methangas-Normen bis hin zu Emissionsstandards von Automobilen. Die vom republikanischen Präsidenten Richard Nixon gegründete US-Umweltbehörde EPA ist heute nur noch ein Schatten ihrer selbst.

International haben sich die USA von einem Unterstützer der UN-Klimaverhandlungen in der zweiten Obama-Legislatur zu einem Bremser und Blockierer entwickelt. Symbolisch stehen dafür der Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen und die Einstellung von Zahlungen im Rahmen der internationalen Klimafinanzierungsverpflichtungen der USA. Gleichzeitig haben die extremen Wetterereignisse innerhalb der USA massiv zugenommen, die Rekord-Hurrikan-Saison dieses Jahres und die historischen Waldbrände sprechen für sich.

Aus Sicht der Interessen vieler Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf fossilen Energien basiert, waren die letzten Jahre hingegen goldene Jahre. Trump ist der Traum-Präsident der fossilen und energieintensiven Lobbygruppen, von denen viele auf weitere vier Jahre hoffen.

Wie unabhängig sind die einzelnen Bundesstaaten in ihren klimapolitischen Entscheidungen von Washington D.C. und was können diese explizit zur Bekämpfung des Klimawandels unternehmen?

Schon lange vor der Trump-Regierung waren es einzelne Bundesstaaten, welche ambitionierte energie- und klimapolitische Standards etablierten und damit zu einer Art Energiewende von unten beitrugen. Die Effekte dessen, kombiniert mit landesweiten Initiativen der Obama-Regierung, sind heute sichtbar.

Die USA verzeichnen trotz der rückwärtsgewandten Politik der Bundesregierung Jahr für Jahr ein Rekordwachstum an Erneuerbaren Energien und haben zu Beginn der Trump-Zeit sogar ihre CO2-Emissionen reduziert. Investitionen in Erneuerbare Energien sind heute bereits kostengünstiger als fossile Alternativen, weshalb auch alleine aufgrund der Logik des Marktes in diese investiert wird. Das gilt übrigens keineswegs nur in Bundesstaaten, welche von Demokraten regiert werden, sondern betrifft Texas oder Utah ebenso wie Kalifornien oder New York.

Gleichzeitig greift die Trump-Regierung eben diese Befugnisse von Bundesstaaten, eigene Standards zu setzen, nun an. Konkret geht es um die Auseinandersetzung mit Kalifornien bezüglich der Emissionsstandards von Automobilen. Kalifornien als größter US-interner Markt hatte, im Einvernehmen mit großen Teilen der Automobilindustrie, auf hohe Standards gesetzt. Trump und die Republikaner, welche in anderen politischen Fragen immer gerne die Unabhängigkeit von Bundesstaaten betonen, gehen nun hiergegen gerichtlich vor. Sollte dies erfolgreich sein, könnte es das bisherige System infrage stellen, nach dem in den USA oft die Bundesstaaten die zentralen Treiber politischer Veränderung waren.

In den ersten 3,5 Jahren wartete die Regierung Trump mit der Deregulierung von Umweltstandards auf. Kurz vor der Präsidentschaftswahl die – eingeschränkte – Kehrtwende, als Präsident Trump die Verlängerung und Erweiterung des Moratoriums für Ölbohrungen vor der Küste Floridas um zehn Jahre verkündete. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung aus Sicht des Umweltschutzes und was hat Präsident Trump hierzu bewegt?

Das scheint mir nicht mehr als ein plumpes Wahlkampfmanöver zu sein. Florida ist ein zentraler Swing State, regiert vom republikanischen Gouverneur Ron DeSantis, der sich gegen Ölbohrungen vor der Küste Floridas ausgesprochen hat. Die „Deepwater Horizon“-Ölpest ist vielen in Florida noch stark präsent. Das hat damals die stark vom Tourismus abhängige Wirtschaft des Staates heftig getroffen.

Ich kann aber nicht erkennen, dass dies darüber hinaus etwas mit einem umweltpolitischen Sinneswandel der Regierung zu tun hätte. Denn erst Mitte August hat die Regierung entschieden, Beschränkungen für Ölbohrungen in Alaska, in der Arktis, aufzuheben, trotz der massiven Proteste von Umweltorganisationen und Naturschützern.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden will sich bei seinen politischen Entscheidungen auch beim Klimaschutz wieder vermehrt an der Wissenschaft orientieren. Wie sehen Bidens Klimaschutzpläne kurz zusammengefasst aus?

Bidens klimapolitischer Aktionsplan ist für US-Maßstäbe sehr ambitioniert. Das hängt auch damit zusammen, dass Biden nach seiner Nominierung in einen intensiven Dialog mit den klimapolitischen Vorreitern in seiner Partei eingetreten ist, wie beispielsweise Senator Bernie Sanders oder Jay Inslee, der Gouverneur Washingtons. Das Ergebnis ist ein Kompromiss.

Einerseits bekennt sich Biden weiter zur Atomkraft und wendet sich gegen ein landesweites Moratorium für das Fracking von Erdgas. Gleichzeitig plant er, den Elektrizitätssektor der USA bis 2035 CO2-neutral zu machen und das Energiesystem insgesamt bis 2050. Dazu sollen alleine während der kommenden Jahre $2 Billionen in Erneuerbare Energien, Gebäudesanierung und andere Klimaschutzmaßnahmen investiert werden, 40 Prozent davon in historisch benachteiligten Gemeinden.

Neben der Bekämpfung der Pandemie, der Bewältigung der Wirtschaftskrise und der Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe des strukturellen Rassismus, ist die Adressierung der Klimakrise die vierte Säule in Bidens Wahlkampf. Das ist ein radikaler Unterschied zur Trump-Kampagne.

Was erhoffen Sie sich von der US-Administration, die am 20. Januar 2021 ihre Arbeit aufnehmen wird?

Die Klimakrise ist eine globale Herausforderung. Sie ist gleichzeitig eine Krise, für die manche Länder mehr historische Verantwortung tragen als andere, und für deren Bewältigung manche Länder mehr Kapazitäten haben als andere. Die USA sind in dieser Hinsicht ein zentraler Akteur. Ohne ein starkes Engagement der USA und Chinas wird die Krise nicht zu meistern sein, das Gleiche gilt im Übrigen für die Europäische Union.

Vor diesem Hintergrund wünsche ich mir von der kommenden US-Administration einerseits eine heimische Klimapolitik, welche sich an der Wissenschaft orientiert und das ungeheure Potential der USA nutzt, um das Land zu einem klimapolitischen Vorreiter zu machen. Ich würde mir gleichzeitig eine konstruktive Rückkehr der USA in die globalen Klimaverhandlungen wünschen und eine Führungsrolle innerhalb dieser.

Und nicht zuletzt sind die USA ebenso wie Europa gefragt, diejenigen Länder bei Anpassungsmaßnahmen und CO2-Vermeidung zu unterstützen, die am Wenigsten eigene Mittel haben, um dies zu tun, und die bereits heute am Meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden.

Vielen Dank für das Interview. 

Das Gespräch führte Kai-Uwe Hülss M.A.


Bastian Hermisson ist Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington D.C. Davor leitete er das Büro Brüssel und das Referat EU / Nordamerika der Stiftung und verantwortete als Referent den Themenbereich Außen- und Sicherheitspolitik. Vor seiner Tätigkeit in Berlin leitete er das Programm Transatlantische Beziehungen der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington D.C. Bevor er in die Stiftung eintrat, arbeitete er drei Jahre lang als Berater für Außen-, Sicherheits- und Umweltpolitik für die Abgeordnete Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag. Die Internetseite der Heinrich-Böll-Stiftung Washington D.C. (Klick hier).

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

Unfreiwilliges Weihnachtsgeschenk für Präsident Trump?

Spätestens seit seiner Wahl zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat es Donald Trump auch in die Geschichtsbücher geschafft. Mit der Anklage durch das
U.S. Repräsentantenhaus gehört er nun gar einem erlauchten Kreis US-amerikanischer Staatsoberhäupter an.

Mit Andrew Johnson und Bill Clinton wurden erst zwei Präsidenten vor Trump verurteilt. Des Amtes enthoben wurden beide Präsidenten jedoch letztendlich nicht. Richard Nixon hingegen kam zwar um eine Anklage herum, jedoch zum Preis eines vorherigen Rücktritts.

Mehr als 750 Historiker riefen zur Anklage gegenüber Präsident Trump auf.

Entgegen den Ansinnen der Verfassungsväter handelte es sich beim Amtsenthebungsverfahren des Jahres 2019 nicht um eine überparteiliche Bestrebung. Die Abstimmung über die beiden Anklagepunkte, Machtmissbrauch und Behinderung der Arbeit des U.S. Kongresses, war vielmehr ein Musterbeispiel für die sich schon seit Jahrzehnten zunehmende politische Polarisierung.

Demokraten stimmten weitestgehend für die Anklageschriften. Lediglich Jeff van Drew, der auf Grund des Impeachment sogar zur republikanischen Partei übertreten will, und ein weiterer Demokrat scherten aus. Ein weiterer Demokrat teilte sein Votum für die beiden Anklagepunkte auf. Die demokratische Präsidentschaftskandidatin Tulsi Gabbard enthielt sich ihrer Stimme. Republikaner dagegen standen geschlossen hinter Präsident Trump.

Das Abstimmungsergebnis geht mit der gesellschaftlichen Spaltung des Landes, die sich nicht nur in dieser Frage manifestiert hat, einher. Seit Beginn der Anhörungen im Rahmen der Ermittlungen zum Amtsenthebungsverfahrens gegenüber Präsident Trump hat sich die Stimmungslage kaum, wenn überhaupt marginal zugunsten des Angeklagten, verändert. Eine Spaltung, die auch bei der Bevölkerung anhand der Parteilinien von statten geht.

Als Republikaner eine Amtsenthebung von Präsident Clinton anstrebten,
verloren diese Sitze bei den Wahlen zum U.S. Repräsentantenhaus 1998 und 2000.

Für Präsident Trump sind das paradoxerweise keine schlechten Nachrichten. Zwar mag sich eine Anklage durch das U.S. Repräsentantenhaus „auf dem Lebenslauf als negativ erweisen“, wie es der Präsident sorgenbehaftet ausdrückte. Eine tief gespaltene USA erhöhen jedoch die Wiederwahlchancen des amtierenden Hausherren von 1600 Pennsylvania Avenue ungemein.

Die republikanische Basis hat Donald Trump hinter sich. Unabhängige Wähler sind laut repräsentativen Umfragen gespalten in Bezug auf eine Amtsenthebung. Und der U.S. Senat wird Präsident Trump, sofern es keine bahnbrechenden neuen Enthüllungen gibt, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit freisprechen. Eine Begebenheit, mit der die Wiederwahlkampagne von Präsident Trump hausieren gehen wird.

Demokraten wie Republikaner werden das Amtsenthebungsverfahren für die Präsidentschafts- und Kongresswahlen im kommenden Jahr für ihre Anliegen nutzen wollen. Doch am Ende könnte es zu einem unfreiwilligen Weihnachtsgeschenk für Präsident Trump verkommen. Einem möglichst unparteiischen Verfahren wurde nämlich von Beginn an keine Chance gegeben.

Bislang verlor die Partei des angeklagten Präsidenten jedesmal die folgende Präsidentschaftswahl.

Demokraten unterminierten ihr Anliegen durch einen lautstarken Zwischenwahlkampf mit der Forderung radikaler linker Kandidaten, sich für eine Amtsenthebung des ungeliebten Präsidenten einzusetzen. Republikaner nutzten später diese Steilvorlage aus und wischten alle Bedenken gegenüber Trumps Verhalten in der Ukraine-Affäre beiseite. Die Begründung: das Verfahren sei ein parteipolitischer Schachzug von Seiten der Demokraten.

Die politische Auseinandersetzung um das Amtsenthebungsverfahren wird auch noch das kommende Jahr begleiten. Die nicht auszuschließende Wiederwahl eines angeklagten Präsidenten würde den Einträgen unter dem Namensregister von Donald Trump ein weiteres Kapitel hinzufügen.

Bildquelle: https://bit.ly/38HbGjI

So funktioniert ein Amtsenthebungsverfahren

In der Geschichte der Vereinigten Staaten wurden bislang drei US-Präsidenten mit einem Amtsenthebungsverfahren konfrontiert. Die Präsidenten Andrew Johnson und Bill Clinton wurden zwar vom U.S. Repräsentantenhaus angeklagt, der U.S. Senat weigerte sich jedoch jeweils eine Amtsenthebung zu vollziehen. Präsident Richard Nixon trat noch vor einer Abstimmung des U.S. Repräsentantenhauses zurück.

Donald Trump ist der vierte Präsident, der sich einem Amtsenthebungsverfahren, im Englischen Impeachment genannt, stellen könnte. „1600 Pennsylvania“ erklärt das Prozedere.

1. Verkündung

Nancy Pelosi, Sprecherin des U.S. Repräsentantenhauses, hat am 24.09.2019 eine offizielle Untersuchung zu einem möglichen Amtsenthebungsverfahren eingeleitet.

2. Ermittlungen

Sechs Ausschüsse des U.S. Repräsentantenhauses betreiben Nachforschungen über ein mögliches Amtsvergehen des Präsidenten. Sie berichten an den Justizausschuss.
Das Prozedere endet, sollte kein Vergehen festgestellt werden.

3. Erstellung der Anklagepunkte

Sind Indizien für ein Amtsvergehen vorhanden, werden die expliziten Anklagepunkte erstellt. Der Justizausschuss stimmt darüber ab, um die Anklagepunkte an das U.S. Repräsentantenhaus zu übersenden.

4. Abstimmung U.S. Repräsentantenhaus

Im U.S. Repräsentantenhaus werden die Anklagepunkte debattiert. Daraufhin erfolgt eine Abstimmung darüber. Sollte die Mehrheit der Abgeordneten darüber befinden, dass keine Anklage gegen den Präsidenten erhoben wird, endet das Prozedere an dieser Stelle.

5. Anklage wegen Amtsvergehen

Eine einfache Mehrheit des U.S. Repräsentantenhauses für nur einen einzigen Anklagepunkt führt zu einer Anklage gegen den Präsidenten.

6. Prozess vor dem U.S. Senat

Der U.S. Senat debattiert daraufhin jeden einzelnen Anklagepunkt. Es soll darüber entschieden werden, ob der Präsident von seinem Amt enthoben werden sollte. Stimmen weniger als Zweidrittel der U.S. Senatoren für eine Amtsenthebung, bleibt der Präsident im Amt.

7. Amtsenthebung

Stimmen mehr als Zweidrittel der U.S. Senatoren für eine Amtsenthebung, wird der Präsident von seinem Amt entfernt.


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